«Ohne Bedenken»: Kaum Kritik an Entscheid für durchgefallene Armee-Pistole
Die Schweizer Armee soll eine neue Dienstpistole erhalten. Darum hat Armasuisse mehrere Modelle in einem langwierigen Auswahlverfahren geprüft. Technisch am schlechtesten schnitt die SIG Sauer P320 ab, wie die Recherchen von watson gezeigt haben. Das US-amerikanische Modell hätte eigentlich aus dem Verfahren ausscheiden müssen.
Als das Scheitern feststand, schaltete sich Rüstungschef Urs Loher ein. Er griff zugunsten der Schweizer Niederlassung von SIG Sauer ins Auswahlverfahren ein. In diesem war nun wichtiger, dass die Produktion der neuen Pistole in der Schweiz möglich ist. Dies soll die Schweizer Rüstungsindustrie stärken und die Abhängigkeit von ausländischen Waffenproduzenten verringern.
Solche Überlegungen sind in geopolitisch unsicheren Zeiten wichtig. Doch rechtfertigen sie den Entscheid für eine technisch unterlegene Waffe, bei der SIG Sauer zwingend nachbessern muss? Das wollte watson von verschiedenen Sicherheitspolitikerinnen und -politikern wissen. Die National- und Ständeräte werden sich in den kommenden Wochen mit der Armeebotschaft 2026 befassen und in dem Zusammenhang auch den Budgetposten für die neue Pistole begutachten, bevor das ganze Parlament darüber entscheidet.
Für Bürgerliche ist der Produktionsstandort entscheidend
SVP-Ständerat Werner Salzmann hat keine Vorbehalte zum Armasuisse-Entscheid für die P320. «Die SIG-Sauer kommt in vielen Polizeikorps und Armeen ohne Bedenken zur Anwendung. Ich kann daher nachvollziehen, dass man sich für die P320 entschieden hat», sagt der Berner. Dies gelte besonders, weil die Herstellung der Pistole zu 95 Prozent in der Schweiz erfolgen könne.
Ob tatsächlich alle relevanten Bestandteile von Schweizer Firmen hergestellt werden, muss sich erst noch zeigen. Verlässliche Informationen liegen der Öffentlichkeit bislang nicht vor – und SIG Sauer hält sich bedeckt. Sicher ist: Armasuisse wird mit der nachgebesserten Waffe neue Tests durchführen und seitens der Armee muss sie die Bedingung «truppentauglich» erfüllen.
Ähnlich wie Salzmann argumentiert Andrea Gmür-Schönenberger. Auch aus Sicht der Luzerner Mitte-Ständerätin ist die starke Gewichtung von Produktionsmöglichkeiten in der Schweiz nachvollziehbar. Damit sei auch die Wahl eines Modells zu rechtfertigen, bei dem der Hersteller noch nachbessern muss. «Ich kann verstehen, dass man das für einen Schweizer Produktionsstandort in Kauf nimmt und in diesem Fall einen Swiss Finish für richtig hält», sagt sie.
Gmür zeigt ausserdem Verständnis für den Entscheid des Rüstungschefs, nach der Vorevaluation plötzlich die Kriterien zu ändern. «Was heute eine Gewissheit ist, gilt morgen nicht mehr. Dass man da bei der Auswahl gewisse Anpassungen vornimmt, ist in einer solchen Situation folgerichtig.»
Sowohl Salzmann als auch Gmür verweisen darauf, dass die Wahl der Pistole nicht dem Parlament obliegt, sondern nur deren Überprüfung in Bezug auf die Zweckmässigkeit.
SP-Nationalrätin will nun kritische Fragen stellen
Auf der linken Ratsseite sieht Linda de Ventura den Entscheid für die P320 kritischer. Der Entscheid folge nach einer Reihe an «Beschaffungsskandalen», sagt sie. In den vergangenen Jahren hatte die Schweiz immer wieder Probleme beim Erwerb von Rüstungsgütern – erst am Mittwoch erklärte Verteidigungsminister Martin Pfister, dass ein Abbruch der Beschaffung des US-Luftabwehrsystems Patriot denkbar ist.
Zur P320 sagt die SP-Nationalrätin: «Für die Armee wäre es jetzt wichtig, das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. Es hilft nicht, wenn man dann die Pistole kaufen will, die im Test durchgefallen ist.»
Trotzdem findet es auch Linda De Ventura richtig, dass das VBS die Stärkung der inländischen Produktion priorisiert.
Die Fertigung der P320 soll in Neuhausen am Rheinfall im Kanton Schaffhausen erfolgen, den De Ventura im Bundesparlament vertritt. Zu Art und Umfang der Produktion am Schweizer SIG-Sauer-Standort sind noch keine Details bekannt. Bei der Vorstellung der Armeebotschaft habe das VBS zwar erste Angaben diesbezüglich gemacht, die aber unbefriedigend gewesen seien, sagt De Ventura. Und: «Ich werde in der Sicherheitspolitischen Kommission darum kritische Fragen zu dieser Waffe stellen.»
